simply human

Alle Menschen sind geboren.

Halte mich fern von der Weisheit, die nicht weint, von der Philosophie, die nicht lacht, und von der Größe, die sich nicht vor Kindern verbeugt.
Khalil Gibran

Menschenrechtsorientierung im transkulturellen Miteinander

Jänner 2024

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wurde 1948 der Begriff „Brüderlichkeit“ in der Tradition der Aufklärung gewählt. Die Idee wird mittlerweile zeitgemäß geschlechtsneutral häufig als „Geschwisterlichkeit“ bezeichnet. „Im Geist der Geschwisterlichkeit“ meint dabei einen freundschaftlichen Umgang, sein Gegenüber und alle Menschen aufgrund ihres Menschseins als Gleiche auf Augenhöhe anzuerkennen. Diese Haltung impliziert also bereits, dass das Gleiche (Menschsein) immer mehr wiegt als das Unterschiedliche (zum Beispiel verschiedene Religionen und Geburtsorte, Nationalitäten,…). Der daraus folgende freundschaftliche Blick ist umso wichtiger, je diskriminierender das gesellschaftspolitische Klima wird. In Österreich ist dies sichtbar in politischer Rhetorik, Realpolitik und Struktur. Zwei Aspekte einer solchen menschenrechtsorientierten Haltung werden im Folgenden kurz skizziert, ausgehend von der Frage, wie aus Diversität Potenzial für ein friedliches und diskriminierungssensibles, veränderungsbereites Miteinander geschöpft werden kann.

Hiesige rechtliche und gesellschaftliche Strukturen kultursensibel hinterfragen

Die Wahrnehmung von Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen und Erniedrigungen ist aus menschenrechtlicher Sicht essenziell, um die Lebensrealitäten hunderttausender in Österreich lebender Menschen nachvollziehen zu können. Am deutlichsten betrifft diese in den gesetzlichen Strukturen fußenden Diskriminierung im Kontext transkultureller Begegnung nicht „Ausländer“ im Generellen – ich bin zum Beispiel selbst Ausländerin in Österreich, doch „sieht man es mir nicht an“. Menschen hingegen, die in negativer Konnotation zugeschriebenerweise „arabisch“, „afghanisch“ oder „muslimisch“ aussehen, denn das sind die Kategorisierungen, die den Diskurs im „Kampfthema Islam“ bestimmen (siehe auch Gmeiner-Pranzl & Mocevic, 2019), spüren diese Strukturen tagtäglich. Dass in diese Kategorien Portugiesen genauso gedrängt werden, Christen und Atheisten genauso wie Muslime, nimmt eine breite Öffentlichkeit oftmals nicht oder nur im angebotenen Dialog wahr. Es geht hier darum, eine gleichermaßen selbstkritische und offene Haltung einzunehmen, um sich die Situation des Gegenübers bewusst zu machen. Selbstkritisch heißt dabei, eigene stereotype Denkmuster zu beleuchten, die sich auch in gesellschaftspolitischen Diskursen zum Beispiel in schnellen Forderungen nach „Integrationsleistungen“ zeigen. Begegnung und gemeinsame Entwicklung braucht eine Prise Demut und Zutrauen. Offen der Geschichte eines anderen Menschen zuzuhören, um verstehen zu wollen, mag sie sich auch für das eigene Ohr unglaublich anhören. Dem Zweifel genug Raum zu geben, um sich auf die Suche nach Zusammenhängen zu machen. So werden Menschen aufgrund ihrer lebensgeschichtlichen Migration – die unter katastrophalen humanitären Bedingungen stattfand und nicht selten in Gründen fußt, die eine Notwendigkeit zur Migration darstellen, immer häufiger politisch instrumentalisiert und mit paradoxen Neologismen versehen. Bedenkt man, dass der Flüchtlingsbegriff nach über 70 Jahren nicht mehr den aktuellen Stand der Bedrohungen für Leib und Leben abdeckt,  wie zum Beispiel notwendige Migration aufgrund von Dürre, extremer Armut fehlender Lebensgrundlagen aufgrund von Krieg und Besatzung, gelingt es vielleicht sich solch spaltend-emotionalisierender Rhetorik zu entziehen und den Menschen vor einem nicht auf ein begriffliches Hirngespinst zu reduzieren. Ein Kennenlernen und Dialog wird möglich, aus dem transformative Kraft wächst, der hiesige Strukturen hilft dem Zeitgeist und der Situation entsprechend zu aktualisieren.

Es sollte dabei aus normativer Sicht selbstverständlich sein, dass Menschen egal welcher Herkunft und Religion strukturell nicht diskriminiert, sondern ermächtigt werden, diese Gleichbehandlung einfordern zu können. Dazu gehört, dass Menschen in weniger vulnerablen Situationen, Orientierung in den rechtsstaatlichen Strukturen anbieten. Nicht im Sinne einer Wertevermittlung einer vermeintlich höher entwickelten, „westeuropäischen Kultur“, sondern im Sinne der Ermächtigung innerhalb dieser Strukturen eigenständig navigieren und Rechte bei strukturellen Diskriminierungen einfordern zu können. Das erfordert persönliche, wie gesellschaftspolitische Prozesse der Auseinandersetzung mit eben jenen Strukturen, bevor die Strukturen von Religionen und Staaten hinterfragt werden können, derer man nicht selbst angehört. Derzeit konzentriert sich gerade auch in Österreich die mediale Berichterstattung der politischen Bühne folgend vorwiegend auf einfältige Lösungsdarbietung statt konstruktiven Diskurs über mögliche Wege des Migrationsmanagements, ein politischer Fallstrick der besonderen Nähe von Politik und Medien der in Österreich durch Förderabhängigkeiten besonders tiefgreifend ist. Umso wichtiger, Verantwortung für die eigene Haltung und sein Menschenbild zu übernehmen und konstruktive Auseinandersetzungen in diesem häufig destruktiven Klima zu suchen. 

Das eigene rechtspolitische Interesse in der Auseinandersetzung mit diesen und weiteren zusammenhängenden Politiken und legislativen Prozessen zu fördern, ist also ein notwendiger Schritt im menschenrechtsorientierten transkulturellen Dialog, in dem die eigene Welt und die Welt des Gegenübers verstehbar wird. Denn der Mensch gegenüber hat, wenn er aus sogenannten Drittstaaten stammt, derzeit insbesondere aus den sogenannten „muslimischen Ländern“ migriert oder geflüchtet ist, mit großer Wahrscheinlichkeit mehrfach die Diskriminierungen dieser strukturellen diskriminierenden Gegebenheiten erfahren. Das Ernstnehmen und Einsetzen für Gleichbehandlung (Art. 7, 10 AEMR) und sei es einfach nur im Anbieten eines Dialogs auf Augenhöhe und der Wahrnehmung des Menschen, seinen Verletzungen und Resilienzen, seinen Schwächen und Kompetenzen und seiner Art zu sein.

Vielfältige Netzwerke mitgestalten

Annähernd angekommen in einer menschenrechtsorientierten, inklusiven Gesellschaft sind wir wohl, wenn der Aspekt einer vielfältigen solidarischen Netzwerkorientierung nicht mehr erwähnenswert ist. Nicht, weil dieser Aspekt politisch und gesellschaftlich einen blinden Fleck darstellt, sondern weil Menschen, unabhängig ihrer Herkunft, Religion, sexuellen Identität oder sonstigen Zuschreibungen, in allen Aspekten der politischen Prozesse und des täglichen Lebens gleichbehandelt werden und längst gleichermaßen von diesem Zusammenleben profitieren. Das bedeutet, neben politischen Gestaltungsrechten und gleichen Einbezug in staatlich-solidarische Unterstützungen, weder ausgeschlossen, noch bevorzugt werden oder als Token in soziale Netzwerke „integriert zu werden“. Es bedeutet als Mensch anerkannt zu werden und ein Aspekt dieses Menschen kann seine kulturell-religiöse Sozialisationsgeschichte sein in Wechselwirkung mit der Selbst- und Weltsicht. Es bedeutet auch, diesen Aspekt wertzuschätzen. und Sei es auch nur dafür zu lernen, dass man selbst eine gewisse Selbst- und Weltsicht, aus der eigenen familiären, sozialen, gesellschaftlichen, politischen, religiösen und kulturellen Sozialisationsgeschichte heraus entstanden, hat.

Ein Beispiel, was ich einige Male bei mir und in meinem Umfeld beobachtet habe, bevor es mir aufgefallen ist: Der Irrglaube, „wir“ Europäer im „Westen“ hätten eine weit entwickelte Kultur und den Frieden sozialisiert, während „andere“ im „Süden“ und „Osten“, also im Groben „Schwarze“, „Araber“ oder „Moslems“ noch eher barbarischer und weniger entwickelt wären. Wir haben schließlich die Demokratie und die Menschenrechte und verpönen Antisemitismus („wir“ sind dabei genauso antisemitisch, wie „die Moslems“, nur nicht aus den genau gleichen Gründen). Und diese Überzeugung kann bis zu Rechtfertigungen von Kriegen führen, wie wir sie alle oft gehört haben, wenn man sich nicht aus der Peinlichkeit dieses eingeschränkten Gedankens befreit und ihn als zu sich und zum Menschen zugehörig erkennt.

Wenn wir in Kontakt treten, bemerken wir, dass Kultur ein Prozess ist, der aus Vielen besteht und am Ende vielleicht nur aus Geschichten, die, obwohl sie an ganz verschiedenen Teilen der Welt beginnen, sich langsam verwachsen und etwas neues kreieren können – einen weiteren Prozess, eine weitere Geschichte. Jeder Mensch versucht für sich in seiner Geschichte und seinem Umfeld zurechtzukommen versucht, nach grundmenschlichen gemeinsamen Prinzipien des Überlebens, Zusammenhalts und dem Streben nach Sicherheit und Würde. Wenn wir das und weiteres ineinander erkennen können und müssen, um in Frieden einander streitbar kennenzulernen. Immer bestrebt um Augenhöhe und Anerkennung eines Menschen mit Eigenschaften statt einer Eigenschaft, in der man aus Scham und Angstgefühlen vor der eigenen Beschränktheit unbewusst einen Menschen gedanklich in einem vorher dagewesenen Kasten festhält. Im besten Falle kann man gemeinsam über beiderseitiger Beschränktheiten lachen, wenn man offen in Kontakt tritt.  

Für den Moment braucht es Vorbilder im würdevollen transkulturellen Dialog in der regionalen Menschenrechtsarbeit, wie es Hindiba in Innsbruck in ihrer Gemeinschaft und Arbeit sind. Menschen arbeiten in ihrem Menschsein auf Augenhöhe zusammen, um ein vielschichtiges Band zu gestalten, das alle Beteiligten ermächtigt. Dabei fordert das Gegenüber aufgrund seiner religiösen und kulturellen Zuschreibungen nicht mehr und nicht weniger als das eigene Selbst. Der menschenrechtsorientierte transkulturelle Dialog auf Augenhöhe ist dabei in all seinen Aspekten geprägt in der Grundhaltung: „we [women] do not care about ego, we care about solutions“, wie Tamana Ayazi, Regisseurin des Films „In her hands“ treffend in einem noch weit herausfordernden Dialogversuch auf den Punkt bringt. Sie begleitete die junge Bürgermeisterin Zarifa Ghafari in Maidan Shahr, einem seit langem von Taliban kontrollierten Gebiet südwestlich von Kabul. Der Blick ist also geprägt von einer Ausrichtung auf die Sache und einer gewissen gewachsenen Selbstlosigkeit, ganz im Gegensatz zur Selbstaufgabe des Menschseins. Die kritische Auseinandersetzung im transkulturellen Miteinander erfordert Mut, ist fordernd und fordert – hier und überall auf der Welt, wo Menschen sich für Gleichbehandlung einsetzen, immer gefährlich, doch das Leben ist jeden Moment gefährlich, das sollte uns nicht abhalten zu leben und uns für Leben einzusetzen.

Für Menschen, die in Europa und hier in Österreich geboren wurden, heißt das im transkulturellen Dialog, wir alle müssen uns selbst auch fordern und dazu auffordern neugierig und (selbst-)kritisch zu bleiben. Und den anderen als Menschen sehen, uns nicht auf unser eigenes Menschsein beruhen und andere dazu zur Beziehungsarbeit und Anpassung aufzurufen. Menschenrechtsorientiertes transkulturelles Miteinander heißt, sich als Mensch kennenzulernen, nicht vorwiegend als Ausländer und Inländer, Europäer und Drittstaatangehöriger, Katholik und Moslem oder auch – und mehr als absurd – als Österreicher und Moslem. Es heißt, am selben Ort anzukommen und gemeinsam von Mensch zu Mensch immer wieder auf Neues in die Zukunft zu blicken und damit zu einem friedlichen Umgang inmitten vielfältiger kultureller und religiöser Identitäten beizutragen.

Quellen

Gmeiner-Pranzl, F., & Mocevic, H. (2019). Kulturelle und religiöse Zuschreibungen: Islam als Kampfthema?, in J.P. Mautner (HG.) Regionale Menschenrechtspraxis: Herausforderungen, Antworten, Perspektiven. Mandelbaum Verlag

Vereinte Nationen (1948). Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Resolution der Generalversammlung

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