simply human

Alle Menschen sind geboren.

Halte mich fern von der Weisheit, die nicht weint, von der Philosophie, die nicht lacht, und von der Größe, die sich nicht vor Kindern verbeugt.
Khalil Gibran

Aus Dankbarkeit täglich zu lernen…

Ein paar weiterführende Fakten, Zusammenhänge und Fragen (6.7.2025) zur Meinung im letzten Kommentar – weil mir freilich bewusst ist, dass die Bequemlichkeit des Intellekts nicht gewillt ist, die drei Aspekten von Empathie auf intersektionale Fragestellungen politisch anzuwenden, ohne die Schwächsten in die Verantwortung und die Stärksten aus der Verantwortung zu holen – allein dem eigenen Profit zuliebe.

Nach David Easton kann Politik als eine „authoritative allocation of values“ in einer Gesellschaft gesehen werden (siehe dazu Lane, 2022). Das Overton-Fenster, das spätestens seit dem (offensichtlichen) Rechtsruck, auch bei den österreichischen Nationalrats- und deutschen Bundestagswahlen, wohl vielen ein Begriff ist, baut inhaltlich darauf auf. Im Wesentlichen beschreiben beide die der weiten Interessenseinzugs- und (Be-)spielräume zugrundeliegende Macht der Aufmerksamkeit von Politiker:innen im Speziellen und anderen gesellschaftlich handelnden Akteur:innen im Allgemeinen. Macht heißt dabei, nicht erst zu entscheiden, was zu entscheiden ist, sondern u.a. bereits zu bestimmen, was Teil der politischen Entscheidungsagenda werden soll (vgl. Bachrach & Baratz, 1962; Lukes, 1980).

Es sind, so die Aussage, freilich alle mitgemeint, bei den Beispielen von 80% Ausländer:innenanteil, die im selben Zug, für alle, Sprachdiagnostik und regulierte Migrationsanteile an Volksschulen als politisch priorisiertes Thema auf der Agenda der deutschen Bildungsministerin begründen sollen. Abgesehen von der Frage, wie das praktisch funktionieren soll – schließlich sind intersektionale Problemlagen dabei völlig außer Acht gelassen und die potenziell Betroffenen wohl am wenigsten (nicht nur sozial) mobil – ist das rein normativ zulässig, aber auch nutzenorientiert sinnvoll? Zugrundeliegend normativ wird jedenfalls zunehmend klarer Assimilation in einer pluralistischen Gesellschaft inmitten eines globalisierten Staatengefüges gefordert – der internationale Kanon einer desintegrierten Zeit. Dabei bräuchte es friedenslogische Politiken und daraus abgeleitet partizipative politische Prozesse auch in Primär- und Sekundärbildung. Aber die begründen wohl weniger „Welt“-Schlagzeilen oder Einladungen zu Markus Lanz. Ergo: Sie maximieren nicht den persönlichen Nutzen und sind damit unerwünscht. Die Frage nach der Gemeinwohlorientierung wird in diesen redundanten expertiven Selbstbeweihräucherungsdialogen i.d.R. gar nicht mehr gestellt.

Ein Aspekt, der das „alle“ betrifft und somit über die Diskussion des „Migrationshintergrundes“ hinaus geht (ein Begriff übrigens, der an sich schon nachweislich leistungsmindernd wirkt, was Entscheidungstragende und „Expert:innen“ nicht vom mantra-artigen Wiederholen abhält; Grammel & Mocevic, 2023) und immer wieder genannt wird: Medienkonsum, bei weitem kein neues Problem (vgl. Waller et al., 2013), wenngleich ein – wie immer – differenziert zu betrachtendes Phänomen (vgl. Suter et al., 2023). Das große Problem liegt im frühen Medienkonsum, das „Ruhigstellen“ von Kindern mittels Handy, aber auch das Abgelenktsein von Eltern – ein Problem, ohne Zweifel. In der Praxis wurde dieses bereits spätestens vor vier Jahren evident. Es soll nun, auch auf europäischer Ebene mithilfe des Ditigital Services Act interveniert werden. Das ist gut und wichtig, aber ein grundlegender Interessenkonflikt, nebst massiver Ressourcenungleichheit, wird dadurch nicht gelöst: Den problematischen Plattformen geht es um Nutzenmaximierung, die Daten der Kinder, Eltern und aller sind deren Gewinn, und um diesen zu maximieren, entwickeln Expert:innen, wie u.a. Psycholog:innen, digitale Strategien, um Suchtdynamiken auszulösen und aufrechtzuerhalten. So weit, so bekannt. Im nach wie vor – und auch mit dem Digital Services Act – unterregulierten digitalen Raum, lässt sich das Problem nicht individualisiert oder allein durch Medienpädagogik lösen. Die Sucht wirkt, auch wenn man sie durchschaut, das ist sozusagen ihr Wesen.

Einen interessanten Befund aus der Suchtforschung könnte es aber dazu geben, auf den Punkt gebracht im Ted-Talk von Johann Hari: „The Opposite of Addiction is Connection“. Da ist sie wieder, die Empathie, aber nicht nur – denn hier geht es auch um Verbindung im weiteren Sinn, darum, für alle erschwingliche kulturelle Teilhabe und Teilgabe zu ermöglichen (oder auch nur flächendeckend Schwimmbad- und Seebesuche unter 10 Euro p.P. bei zunehmend steigenden Temperaturen) oder auch existentielle Sorgen zu mindern und Zukunftsperspektiven zu eröffnen (Stichwort: Wohn- und Lebenshaltungskosten, die ja nicht nur in Salzburg zunehmend nicht mehr zu stemmen sind). Es geht auch um die Verbindung zur Zukunft. Der Traum, sich was aufzubauen? Junge Menschen können nur lachen und für den Milliardär (bewusst nicht gegendert), dem sie zuarbeiten (und der wahrscheinlich das nächste „soziale Medium“ auf den Markt bringen wird oder ein anderes Produkt, das durch Sucht die Kasse klingeln lässt), weiterschuften. Hier könnte Politik ansetzen, hier sollte Politik ansetzen. Nicht bei denjenigen, die am kürzesten auf der Welt sind, am wenigsten haben und am meisten Schutz erwarten können (sollten). Schutz meint dabei nicht paternalistisch kurzsichtige, medienwirksame Symbole, sondern tatsächliche Verbesserung von Lebensbedingungen, zumindest aber keine weiteren Rückschritte in zunehmender Ungleichheit.

Interessant finde ich, bei all den teils tatsächlichen, teils herbeigeredeten katastrophalen Zuständen, dass Ressourcen für Absurditäten aufgewendet werden, während strukturelle Verbesserungen vernachlässigt werden. Ohne dem hier auch zu viel Raum zu geben, aber zum eröffnenden und allseits präsent gemachten Thema Sprache doch passend: Einerseits wird das fehlende Sprachverständnis der Kinder beklagt, andererseits werden zunehmend von „Parteien der Mitte“ ein Genderverbot gefordert, unter dem Deckmantel der „einfachen Sprache“ – und wie so oft, wird der politische Prozess disruptiv entkoppelt und eigentlich betroffene Interessensgruppen bleiben ungefragt. Vielleicht wäre gendern ein Feld, um gemeinsames Sprachverständnis im 21. Jahrhundert und mit all dem was es nun gibt an Medien und Krieg und KI, zu entwickeln. So wenig jedenfalls, wie sämtliche Schriftwerke kontrolliert werden können (außer offizielle Schreiben und benotete Werke), so wenig werden – bereits jetzt großteils unbeachtete – Altersgrenzen auf Social Media am zunehmenden Medienkonsum etwas verändern. Fundierte Maßnahmen statt Symbolpolitik hingegen, nicht heute oder morgen, wahrscheinlich schon – auch wenn es der eigenen Wiederwahl nicht unmittelbar nutzen mag, das ist die Drecksarbeit für die horrende Gehälter kassiert werden. Aber wer könnte die Auswirkungen schon vorhersagen, es ist ja ein reines Gedankenexperiment.

So wie Gerechtigkeit dieser Tage wieder zunehmend, wo auch immer diese Tatsache uns hinführen wird. Machen wir doch ein Gedankenexperiment unter dem „veil of ignorance“ (vgl. Theorie der Gerechtigkeit; Rawls, 1988) – vielleicht hilft die kleine out-of-the-box-Kreativitätsübung ja der einen oder anderen verkümmerten kindlichen oder erwachsenen Empathie. Ein Kind ist verwahrlost, doch es weiß nichts davon: Welche Bedingungen, die es vorfindet, sagen ihm nun, welche Bildungschancen es hat und was machen diese Erkenntnisse mit seiner Motivation? Die Verwahrlosung kann in diesem Gedankenexperiment nur das Kind selbst erkennen, Lehrer:innen und andere würden beispielsweise ja eine Wohlstandsverwahrlosung ob ihrer eigenen kognitiven Verzerrungen und den kompensatorischen Umgebungsvariablen des Kindes (wie Nachhilfe oder Vereine) gar nicht erkennen – auch wenn die Auswirkungen auf die Empathie und andere Entwicklungsfunktionen des Kindes nicht minder verheerend sein müssen. Aber das nur am Rande. Was bräuchte dieses Kind nun, um sich voll zu entfalten, auf welche Art auch immer es verwahrlost wäre? Wir könnten mal annehmen, aufgrund dessen, dass die Eltern 60 Stunden die Woche arbeiten, um sich eine 2-Zimmer-Wohnung für 5 Personen leisten zu können – eine Umgebung, in der das verwahrloste Kind nur schwerlich Konzentration findet – und die anderen 52 Wachstunden mindestens unter den drei Kindern (und Social Media) aufteilen und so auch selten (emotional-kognitiv) anwesend sind. Ganz anders aber das Handy und ein nächster Like oder ein nächstes Spiel, das immer da ist; ganz anders als die Eltern oder der Kino- oder Freibadbesuch, den sich die Familie nicht leisten kann, während das wohlstandsverwahrloste Kind dort vielleicht mit Freunden seine gemeinsame Handyzeit verbringt. Doch all dies bleibt ein Gedankenexperiment, denn um „die Wahrheit“ und die gemeinwohlorientierte Handlungsmaxime in einer pluralistischen Gesellschaft mit hochkomplexen Herausforderungen herauszufinden, müssten alle machtvollen – politischen und gesellschaftlichen – Energien und Institutionen darauf ausgerichtet sein und eben diese Perspektiven, die politische Agenda und deren abgeleiteten Politiken bestimmen.

Aufmerksamkeit ist eine Waffe – das „weiß“ freilich nicht nur eine Sucht. Sondern alle, die zunehmend erkennbar selbstdienliche Fragen stellen, statt Politik zu betreiben im Sinne einer pluralistischen Gemeinwesensorientierung. Was Politik eigentlich sein könnte, kann normativ, wie auch empirisch-analytisch wertbezogen vielfältig gefragt werden, nur ein kleines 30-Sekunden-Brainstorming dazu:

Was heißt „gerechtes Bildungssystem“? Woran ist ein gerechtes Bildungssystem erkennbar (Indizes)? Welche Faktoren begünstigen/ hemmen ein gerechtes Bildungssystem? Welche gesellschaftspolitischen, strukturellen und individuellen Merkmale sind dabei vorrangig zu berücksichtigen? Welche Faktoren und (persönlichen, kollektiven, institutionellen) Interessenslagen bedingen, dass eine eigentliche konsensual geführte distributive Agenda i.S. des politischen Wandels konfliktorientiert redistributiv geführt wird (vgl. Lowi, 1966)?

Ein bequemer Fokus auf individuelle Faktoren wird die (reale wie konstruierte, vor allem zunehmend gemachte) Problematik, so diese These, wohl hemmen oder gar verschlechtern (ungünste Zweck-Mittel-Relations-Prognose). Aber wahrscheinlich nicht genug messbar bis zur nächsten Wahl oder Buchveröffentlichung – zumindest meinungsbildend i.S. der Machtsphäre zur politischen Agendenbildung öffentlich wahrnehmbar, auch weil medial weniger präsent. Die Macht der Aufmerksamkeit anhand der Fragen, die gestellt und verbreitet werden. Freilich sind die oft gesehenen „Expert:innen“ in der Bequemlichkeit eines TV-Studios sich dieser Macht, nicht nur anhand ihrer Gagen, mehr als bewusst.

Ich gehe derweil auf die Prüfung lernen und mich weiterbilden. Nicht mehr und nicht weniger wünsche ich allen Kindern und rate ich den hier gemeinten „Expert:innen“ und Entscheidungstragenden, die die Macht haben, Rahmen für Kinder zu bauen, die vielleicht den Begriff „Empathie“ nicht sofort lehren, aber das, was er meint, erlebbar machen. Denn aus dem Erleben werden die Kinder später für ihre Kindeskinder Brücken bauen – oder nicht.

Bachrach, P., & Baratz, M. S. (1962). Two faces of power. American Political Science Review, 56(4), 947–952. https://doi.org/10.2307/1952796
Grammel, E. Mocevic, H. (2023). Bridging the Gap; Migrationshintergrund und Schulleistung – eine empirische Untersuchung aus psychologischer Perspektive Beiträge zur Bildungsforschung, Band 11, ISBN 978-3-8309-4725-7Z f Bildungsforsch 14, 131–134 (2024). https://doi.org/10.1007/s35834-024-00412-1
Lane, J. (2022). Authoritative Allocation of Values. International Business & Economics Studies, 4(4), p1. https://doi.org/10.22158/ibes.v4n4p1
Lowi, T. J. (1966). Distribution, regulation, redistribution: The functions of government.
Lukes, Steven. (2005). Power: A Radical View. 10.2307/2065624.
Rawls, J. (1988). Eine Theorie der Gerechtigkeit (4. Aufl.) [A. Hoffe, Übers.]. Suhrkamp. (Originalarbeit veröffentlicht 1971)
Suter, L., Bernath, J., Willemse, I., Külling, C., Waller, G., Skirgaila, P., & Süss, D. (2023). MIKE – Medien, Interaktion, Kinder, Eltern: Ergebnisbericht zur MIKE‑Studie 2021 (Working Paper). ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. https://doi.org/10.21256/zhaw-27617
Waller, G., Willemse, I., Genner, S. & Süss, D. (2013). JAMESfocus. Mediennutzung und Schulleistung. Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Zürich.

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