simply human

Alle Menschen sind geboren.

Halte mich fern von der Weisheit, die nicht weint, von der Philosophie, die nicht lacht, und von der Größe, die sich nicht vor Kindern verbeugt.
Khalil Gibran

Die Chronik des Zufalls

Vor einigen Wochen hatte ich die Möglichkeit an einem Futures Literacy Workshop eines Masteranden der Sozialpsychologie an der Universität Salzburg teilzunehmen. Es war kurzweilig, inspirierend und kreativ – immer wieder spannend, welche Momente und Methoden zu gelungener Ko-Kreativität führen können. In diesem Rahmen ist mir die Idee für eine Kurzgeschichte eingefallen, die ich heute gerne, nach einer politisch wilden Woche, teilen möchte. Sie handelt vom Lernen – und was das eigentlich ist (sein kann).

„Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“
(Albert Einstein in einem Brief an Carl Seelig vom 11. März 1952)


Wenn Mira einschlief, wartete irgendwo zwischen den Atemzügen der Welt das Fliegen. Es
war nicht dieses schwere, angestrengte Fliegen aus den Träumen früherer Zeit, bei dem
man mit Armen wie aus Mühlrädern rudern musste. Nein, Miras Fliegen war jene mühelose
Ekstase, die im Tempus somnii ocularis begann, sobald der Zufall die unsichtbaren Flügel
anlegte. Ein Schweben, ein Gleiten, ein Tanz mit den Strömungen des Äthers, der sie dorthin
trug, wohin ihre Neugier sie führte.
An diesem Abend lag sie in der Hängematte aus wolkenleichten Blättern ihres
Herkunftsbaums. Der Baum, ein uralter Riese, war ihr Anker beim Fliegen. Die Hängematten
der Heimkehrenden bewegten sich im sanften Wind wie Seiten in einem alten Buch –
raschelnd, nach Geschichten duftend. Die Rinde roch nach Sommerregen und Erzählung.
Sie spürte, wie sich die Wärme des Tages und die gesammelten Fragen in den Wurzeln des
Baumes vermengten, bereit, sie in die nächste Dimension zu tragen. Morgen würde sie
wieder aufbrechen. Der Zufall hatte es so gefügt.
Mira wusste, dass sie am Morgen leuchten würde, so hell, wie sie neugierig war, wie ihre
Gefährten des Tages. Und heute war sie sehr, sehr neugierig. Eine ungestillte Frage brannte
in ihr, ein Funke, der bereit war, ein Feuer zu entfachen. Sie spürte die Vorfreude, das
Kribbeln der Erwartung. Jeder Tag war ein neues Abenteuer, eine neue Möglichkeit, die Welt
zu verstehen, sich selbst zu verstehen, und die unendlichen Verbindungen zwischen allem
zu erkennen.
Morgens geschah es wortlos, ein stilles Wunder: Das Leuchten entfaltete sich wie
Morgendunst, in genau der Farbe, die auch ihre Gefährten trugen. Alt und jung, wach und
noch halb träumend, fanden sie sich auf einer Lichtung ein, einem Ort, an dem die Sprachen
der Welt sich ineinander verflochten wie Goldfäden. Jeder sprach in seiner eigenen Zunge,
und doch verstanden sie einander, als sprächen sie mit einer einzigen Stimme, der Stimme
der Neugier, des Lernens und Verstehens. Es war die Magie des Zufalls, die sie
zusammenführte.
Der Zufall hatte die Gruppe sorgfältig zusammengesetzt. Da war Marek, der Uhrmacher,
dessen Hände so präzise waren wie die Zeiger seiner Uhren. Dann war da Frau Anara, 83
Jahre alt, mit Augen, in denen ganze Flüsse wohnten. Kio, kaum älter als sechs, mit einem
Lachen, das wie Regentropfen auf Glas klang, war die Verkörperung der reinen Neugier.
Zwei Geschwister aus einem Bergdorf, deren Aura nach frischen Kräutern duftete. Sie
wussten alles über die Geheimnisse des Waldes. Eine Lehrerin, die keine Bücher besaß,
aber alle Geschichten ihrer Region in den Hirnwindungen ihres Kopfes trug. Ein ehemaliger
Schiffsbauer, dessen Hände nie stillhalten konnten. Und schließlich Rahela, eine junge Frau,
deren Augen so alt und weise wirkten wie die Sterne. Die behauptete, sie habe schon einmal
den Mond berührt. Auch das wird wohl möglich sein – wie fühlte sich das an, wollte Mira
sogleich wissen.
Als alle sich eingefunden hatten zum gemeinsamen Verstehen, stellte Mira ihre Frage des
Tages ohne Zögern: „Wie kann man einen Stern zum Blühen bringen?“ Marek legte seine
Uhrmacherhände ineinander. „Wie hört man die Zeit atmen?“ fragte er. Kio hüpfte vor
Aufregung. „Warum weint der Regen manchmal, wenn die Sonne scheint?“ Alle neun Fragen
wurden in den Kreis gelegt wie Edelsteine. Doch waren sie kostbarer als Steine es je sein
könnten. Die Regeln waren einfach: Niemand ging schlafen, bis jede Frage so beantwortet
war, dass der Fragende innerlich nicken konnte. Manchmal dauerte das eine Stunde.
Manchmal, wie an jenem legendären Lerntag, an dem die nuclearum nuptiae durch das
Zusammenkommen des Zufalls gelöst worden war, dauerte es elf Stunden. Manchmal noch
länger, aber immer legten die Verstehenden sich mit einem kleinen oder großen Nicken zu
Boden.
Die Gruppe setzte sich auf das weiche Moos. Die Lehrerin begann, Kios Frage zu
beantworten, indem sie ihm von den Wolken erzählte, die so voller Geschichten seien, dass
sie manchmal nicht wüssten, ob sie lachen oder weinen sollten. Marek erklärte seine Theorie
über das Atmen der Zeit, sprach von Sekunden, die sich ausdehnten, wenn man wartete,
und zusammenfielen, wenn man überrascht wurde. Mira hörte zu, stellte Rückfragen,
vertiefte sich in die Antworten, und merkte, wie ihre eigene Frage immer mehr Gestalt
annahm. Die Gruppe war ein lebendiger Organismus, ein Netzwerk des Wissens und
Wissen-Wollens, in dem jeder Gedanke, jede Frage, jede Antwort wie ein Funke von einem
zum anderen sprang und ein größeres Feuer entfachte. Es war ein Tanz des Geistes, ein
Fest der Neugier, ein Beweis dafür, dass Lernen keine Last, sondern eine Freude war, ein
Geschenk des Zufalls.
Es war leicht zu vergessen, dass das Leuchten, das sie umgab, nicht nur Schmuck war,
sondern eine Art innerer Kompass, ein Indikator für das gesammelte Potenzial. An diesem
Tag fühlte Mira, wie ihr Potenzial wuchs – mit jedem Blick in ein anderes Gesicht, mit jedem
neuen Bild, das sich in ihr Herz legte, mit jeder Erkenntnis, die sich in ihrem Geist
verankerte. Es war ein Gefühl der Fülle, des Ausweitens in Dimensionen, die immer genug
Platz hatten. Frau Anara erzählte, dass man einen Stern nur dann blühen lassen könne,
wenn man ihm die richtige Stille schenkte. Nicht jede Stille sei geeignet. Es müsse die Stille
sein, die man auch im tiefsten Innern eines Waldes findet, kurz bevor die ersten
Sonnenstrahlen den Boden berühren. Die Gruppe lachte, stritt sanft, tauschte Bilder, Lieder,
Skizzen, Geschichten und Träume aus. Am Ende war der Tag lang und voll, erfüllt von
Lachen, Erkenntnissen und der tiefen Verbundenheit von Fremden, die im gemeinsamen
Verstehen-wollen Freunde geworden waren. Jeder spürte diese besondere Müdigkeit, die
keine Schwere, sondern ein Versprechen war: In der Nacht würden sie weit fliegen, weiter
als je zuvor.
Die Welt des Lernens, in der Mira lebte, war eine wahr gewordene Utopie. Es gab keine
Bildungsungerechtigkeit. Der Zufall sorgte dafür, dass jeder Mensch, gleich welchen Alters,
täglich mit genau den passenden Menschen zusammenkam, um zu wachsen. Jeder wuchs
in seinem Tempo, doch hatte immer genug zum Leben und zum freien Entfalten. Lernen war
nicht Pflicht, sondern Hunger – ein unstillbarer Durst nach Wissen, nach Verständnis, nach
Verbindung. Jeden Tag aufs Neue.
Kinder unter fünf Jahren reisten mit einem Elternteil oder Geschwisterchen. Sie konnten sich
mit einem bestimmten Laut direkt zu ihnen beamen, der nur schwer zu schreiben und noch
schwerer zu sprechen war – für jene, die schon älter waren. Ein Laut, der lauter war, als alle
Geräusche des unendlichen Verdauens der Universen und doch nur von denjenigen zu
hören war, denen der Laut galt. Alle halben Jahre kehrten die Menschen zu ihrem
Herkunftsbaum zurück. Manche blieben länger dort, aber viele zog es bald wieder hinaus.
Das Lernen war ihnen angeboren, sie mussten wandern, fliegen und Abenteuer des Wissens
erleben. Die Heimkehr war kein Ende, sondern ein Innehalten, um Geschichten
auszutauschen, die sich wie Jahresringe eines Baumes in das gemeinsame Gedächtnis
legten.
Als Mira in dieser Nacht einschlief, spürte sie das vertraute Ziehen in der Brust, als würde
jemand einen unsichtbaren Faden lösen. Ihr Körper blieb zurück, doch ihr Bewusstsein
erhob sich – leicht, durchlässig, schimmernd. Unter ihr lag die Welt wie eine aufgeschlagene
Landkarte. Flüsse waren silberne Zeilen, Städte funkelten wie winzige Buchstaben, und die
Berge waren wie erhabene Absätze. Sie flog schneller, je mehr Potenzial sie gesammelt
hatte. Heute war sie schnell, so schnell, dass die Welt unter ihr zu einem verschwommenen
Band aus Farben und Lichtern wurde, das sie dich wahrnahm, weil sie genug Erinnerung
gesammelt hatte.
Sie landete in der Bibliothek jenseits der Wolken, einem Ort, der die Grenzen von Raum und
Zeit zu sprengen schien. Kein Regal berührte den Boden. Die Bücher schwebten, gehalten
von den Geschichten, die sie trugen. Manche waren so groß wie Häuser, andere klein wie
Walnüsse. Ein leichter Wind bewegte sie, als würden sie leise miteinander sprechen. Es war
der Atem des Wissens, der durch die Gänge wehte.
Mira griff nach einem Buch, dessen Einband aus gewebtem Licht bestand. Die Seiten fühlten
sich an wie dünner, warmer Wind. Als sie es öffnete, entströmte ihm ein Duft nach frisch
gefallenem Schnee. Die Worte auf den Seiten waren nicht geschrieben, sondern tanzten in
leuchtenden Mustern. „Um einen Stern zum Blühen zu bringen, musst du ihm zuhören, bis er
dir sein Lied schenkt.“ Es war die Antwort auf ihre Frage, nicht in Form einer Formel,
sondern als eine tiefere Wahrheit. Sie schloss das Buch, doch es folgte ihr, schwebte über
ihrer Schulter. Andere Bücher kamen hinzu, jedes wie ein Vogel, der neugierig mitflog.
Manche öffneten sich selbst, zeigten Bilder von Welten, in denen das Wissen wie Regen fiel,
in denen Fragen wie Flüsse mäanderten. Es war ein Ort der unendlichen Möglichkeiten.
Doch nicht alle liebten dieses freie Lernen in allen Dimensionen. Es gab die Besserwisser –
Menschen, die verlernt hatten zu lernen, deren Herzen sich der Neugier verschlossen hatten.
Sie wollten Ordnung, Kataloge, Prüfungen, das schnelle Eintrichtern des „Notwendigen“.
Ohne, dass sie das „Notwendige“ definieren könnten, geschweige denn, es gehen hätten.
Ihre Welt war eine Welt der starren Regeln. Das Leben des Verstehens hatte sie verlassen,
sie hatten es von sich gestoßen. Sie glaubten, dass Wissen eine Ware war, die man
verwalten und rationieren musste.
Einmal hatte Mira eine Gruppe von ihnen getroffen, nicht in der schwebenden Bibliothek,
sondern in einer der irdischen Zwischenstationen. Sie trugen graue Mäntel und hielten Listen
in den Händen. Einer von ihnen, ein Mann mit einem schmalen Gesicht und Augen, die so
kalt waren wie Wintereis, las mit monotoner Stimme vor: „Es ist Zeit, dass ihr lernt, was
wirklich wichtig ist: Maßeinheiten, Steuerpflichten, Sicherheitsvorschriften.“ Kio, der sich
unbemerkt in Miras Nähe geschlichen hatte, konnte sich nicht zurückhalten. Er lachte, ein
helles, klares Lachen. „Und wann lernen wir, wie der Regen weint?“ fragte er. Der
Besserwisser errötete und sah zur Seite. Der Zufall sorgte meist dafür, dass solche
Begegnungen kurz waren – und dass Besserwisser einander fanden, um sich endlos über
Ordnung zu beraten, gefangen in ihrem eigenen Labyrinth aus Regeln und Vorschriften. Sie
waren wie Bücher, die sich weigerten, geöffnet zu werden. Solange sie das nur für sich
machten, war das in Ordnung – aber man stelle sich vor, sie würden den Zufall ersetzen und
dem Lernen ein Ende bereiten, was für eine traurige Vorstellung.
Alles, was geschah, jede Frage, jede Antwort, jede Erkenntnis, jeder Flug, jede Begegnung,
schrieb sich in die Chronik des Lernens – ein kosmisches Archiv, das der Zufall selbst führte.
Nur in den letzten elf Tagen eines Lebens, wenn der Zufall einen im Traum informierte, dass
die letzte Reise bevorstand, bekam man die Gelegenheit, die ganze Chronik zu erfahren. In
dieser Nacht flog man nicht, man blieb geerdet, um sich ganz der Lektüre des eigenen
Lebens zu widmen. Es war ein Geschenk, eine letzte, tiefgreifende Lektion.
Die Älteren sagten, wer die Chronik sah, erkannte, dass Lernen nicht nur das Sammeln von
Wissen war, sondern das Teilen von Licht. Manche lasen weinend, andere lachend, die
meisten in einer Mischung aus beidem. Es war ein Moment der tiefen Spiegelung, der
Akzeptanz, der Vollendung.

Nach dem Lauschen der Worte, auch wenn es ihrer weniger waren als an manch anderen
Lerntagen, brachte der Zufall Mira noch weiter, tiefer in die Weiten des Unbekannten. Sie sah
drei Welten, so klar, so lebendig, so real, dass sie wusste, sie würde sie nie vergessen.
Die erste Welt war aus Gedanken gebaut. Ideen flatterten dort wie Schwärme von Vögeln –
manche groß und majestätisch wie Adler, andere klein und flink wie Kolibris. Wer eine Idee
fangen wollte, musste still sein wie Schnee. Sobald man einen Vogel berührte, setzte er sich
auf die Schulter und flüsterte eine Antwort, die man nie gesucht, aber immer gebraucht hatte.
Es war eine Welt, in der das Denken selbst zur Materie wurde.
Die zweite Welt sprach in Farben. Worte existierten nicht, nur Farbstrahlen, die zwischen den
Menschen wie Brücken flossen. Freude war ein warmes Gold. Zweifel war ein sanftes Violett.
Und wenn zwei Menschen gemeinsam lernten, entstand zwischen ihnen ein Regenbogen,
der nicht verblasste. Wer diese Welt verließ, behielt ein Stück ihrer Farben in den Augen –
und konnte von da an selbst im Grau noch Schattierungen finden. Es war eine Welt, in der
die Emotionen zur Sprache des Wissens selbst wurden.
Die dritte Welt lag unter einem uralten Baum, dessen Wurzeln so tief reichten, dass sie in
allen Zeiten zugleich tranken. Dort lebten Kinder und Alte miteinander. Die Alten hörten die
Geschichten der Jungen, die es beide nicht mehr gab. Und jedes Wort, das gesprochen
wurde, verwandelte sich in eine kleine Frucht, die am Baum wuchs. Wer eine solche Frucht
aß, konnte das Erzählte noch einmal erleben – nicht als Zuschauer, sondern als Teil der
Geschichte. Die Menschen dort alterten nicht, solange sie einander zuhörten und ihre Gaben
zuerst dem Baum, dann einander teilten. Es war eine Welt, in der die Zeit aufgehoben war.
Als Mira am Herkunftsbaum erwachte, war das Licht des Morgens weich und voller
Versprechen. Ihre Familie saß schon beisammen, erzählte von Flügen, lachte, tauschte
Fragen und so manche Antwort aus. Es war ein Ritual, ein baldiges Wiedersehen.
„Was hast du gesehen?“ fragte ihre Schwester. Mira dachte an die drei Welten, an den Stern,
der blühen konnte, an die Farben, die Brücken bauten. Sie dachte an die Besserwisser und
an Kios Lachen. Sie dachte an die Chronik des Lernens.
„Ich habe gesehen, dass jede Antwort eine neue Frage ist“, sagte sie schließlich. Es war
eine Erkenntnis, die über das bloße Wissen hinausging. Sie lehnte sich zurück, ließ das
Blätterdach über sich rauschen, und spürte, wie in ihr schon die nächste Frage wuchs.
„Vielleicht ist der Zufall nicht blind“, dachte Mira. „Vielleicht liest er nur in einer Chronik, die
wir Seite für Seite selbst schreiben – jede Nacht, wenn wir fliegen, jede Frage, die wir stellen,
jede Antwort, die wir finden, jede Verbindung, die wir knüpfen.“ Es war eine Chronik, die sich
nicht in Büchern, sondern in den Herzen der Menschen schrieb, eine Chronik des Lernens,
des Lebens, der unendlichen Neugier. Und Mira war bereit, ihre nächste Seite zu schreiben.
Doch zuvor erinnerte sie sich noch einmal, klar und hell und als wäre es keine Erinnerung,
sondern dieser Moment.
Nachdem Kios Frage über den weinenden Regen so poetisch beantwortet war, wandte sich
die Gruppe Marek zu. Seine Frage, „Wie hört man die Zeit atmen?“, schien auf den ersten
Blick abstrakt, doch in dieser Welt des Lernens war jede Frage ein Tor zu tieferen Einsichten.
Marek, der Uhrmacher, dessen Leben von präzisen Mechanismen bestimmt war, suchte
nicht nach einer physikalischen Erklärung, sondern nach der Essenz der Zeit selbst. Frau
Anara, die Alte mit den Flüssen in den Augen, lächelte milde. „Die Zeit atmet in den Pausen“,
begann sie, ihre Stimme so sanft wie das Rascheln alter Pergamente. „In den Momenten, in
denen du innehältst, um einen Schmetterling zu beobachten, in der Stille zwischen zwei
Herzschlägen, im Atemzug vor einem neuen Gedanken. Die Zeit ist kein unaufhaltsamer
Strom, sondern ein Gewebe aus Augenblicken, die sich dehnen und zusammenziehen, je
nachdem, wie viel Leben du in sie legst.“ Der Schiffsbauer nickte bedächtig. „Wenn ich ein
Schiff baue“, sagte er, seine rauen Hände formten in der Luft die Linien eines Kiels, „dann
atmet die Zeit im Holz, das sich unter meinen Händen biegt, in den Nägeln, die ich
einschlage, in der Geduld, die es braucht, bis der Rumpf seine Form annimmt. Jedes Schiff
hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigene Zeit.“ Mira lauschte fasziniert. Sie hatte Zeit
immer als etwas Lineares betrachtet, als eine Abfolge von Sekunden, Minuten, Stunden.
Doch nun verstand sie, dass Zeit auch ein Gefühl war, eine Erfahrung, ein lebendiger
Organismus, der sich anpasste und reagierte. Fast wie ein Meer, oder viele Meere – doch wo
trafen sich diese? Sie fragte Marek, ob er die Zeit in seinen Uhren auch atmen hören könne.
Er schloss die Augen, lauschte dem imaginären Ticken, und ein Lächeln breitete sich auf
seinem Gesicht aus. „Manchmal“, flüsterte er, „wenn ich ganz still bin, höre ich das leise
Summen der Ewigkeit in ihren Zahnrädern – aber ist das Zeit?“ Die Geschwister aus dem
Bergdorf erzählten von den Jahreszeiten, wie die Zeit im Frühling explodierte und im Winter
in sich zusammenfiel, wie die Natur ihren eigenen, langsamen Atem hatte. Die Lehrerin
rezitierte ein altes Gedicht über die Vergänglichkeit und die Ewigkeit, und Rahela, die den
Mond berührt hatte, sprach von den Gezeiten, die den Atem des Ozeans widerspiegelten,
der vom Herzschlag des Mondes ins Fließen kam. Jede Antwort war ein Puzzleteil, das sich
zu einem größeren Bild zusammenfügte, einem Bild, das die Komplexität und Schönheit der
Zeit in all ihren Facetten zeigte. Marek nickte schließlich, ein tiefes, zufriedenes Nicken.
Seine Frage war beantwortet, nicht mit einer Definition, sondern mit einer Erkenntnis.
Mira spürte, wie ihr eigenes Potenzial wuchs, als sie sich erinnerte. Sie bemerkte, wie die
Farbe ihres Leuchtens intensiver wurde, ihr Geist war bereit noch mehr aufzunehmen. Als
sie sich nochmal erinnerte, an die freudvolle Spannung kurz vorm Stellen einer eigenen
Frage, schien sie fast zu Schweben vor Leuchten – obwohl sie wach war!
Nun war Miras Frage an der Reihe: „Wie kann man einen Stern zum Blühen bringen?“ Eine
Frage, die aus dem Unmöglichen schien, aus der Alchemie des Kosmos. Frau Anara, die
bereits den Weg gewiesen hatte, nahm Miras Hand. „Ein Stern blüht nicht wie eine Blume
auf der Erde“, sagte sie. „Er blüht in den Herzen derer, die ihn betrachten. Er blüht, wenn du
seine Geschichte hörst, wenn du seine Geheimnisse ergründest, wenn du seine Energie in
dir aufnimmst und sie in Licht verwandelst – wenn du aus einem Punkt eine Welle formst und
mit ihr fließt.“ Sie erzählte von alten Völkern, die die Sterne als lebendige Wesen
betrachteten, als Geschichtenerzähler, als Wegweiser. Sie sprachen von Sternen, die
sangen, von Sternen, die tanzten, von Sternen, die liebten und litten.
Die Lehrerin ergänzte, dass jeder Mensch seinen eigenen Stern in sich trug, einen Funken
der Neugier, der Kreativität, der Liebe. „Diesen Stern musst du zuerst zum Blühen bringen,
wieder und wieder“, sagte sie. „Indem du Fragen stellst, indem du zuhörst, indem du teilst,
indem du dich dem Fluss des Lernens hingibst.“ Der Schiffsbauer sprach von den Sternen
als Navigationspunkten, als Fixsternen, die den Seefahrern den Weg wiesen. „Ein Stern
blüht, wenn er seinen Zweck erfüllt, wenn er anderen dient“, murmelte er. Kio, der Jüngste,
hatte die einfachste und vielleicht tiefste Antwort. Er zeigte auf Miras leuchtende Aura.
Mira sah ihr Leuchten erneut an. Sie verstand. Die Gruppe war an diesem Lerntag noch
lange zusammengesessen, hatte Geschichten, Lieder und das Gefühl der tiefen
Verbundenheit geteilt. Als die Sonne langsam gesunken war, die die Lichtung in ein goldenes
Licht getaucht hatte, hatte sich eine süße, erfüllende Müdigkeit, das Versprechen eines
weiten Fluges in der kommenden Nacht, ausgebreitet. Ihre Seele war genährt, ihr Geist
erweitert, und ihr Herz voller Dankbarkeit für diese wundersame Welt des Lernens.
Sie lehnte sich zurück, ließ das Blätterdach über sich rauschen und spürte, wie in ihr schon
die nächste Frage wuchs. Vielleicht ist der Zufall nicht blind, dachte sie wieder. Vielleicht liest
er nur in einer Chronik, die wir Seite für Seite selbst schreiben – jede Nacht, wenn wir fliegen
und jeden Tag, wenn wir uns durch Fragen verbinden.

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